Mein Auslandshalbjahr

Am 13.08.2017 bin ich nach einem zehnstündigen Flug in Denver, Colorado gelandet. Ich wurde von meiner Gastfamilie, mit der ich wirklich verwandt bin, mit Luftballons und einem freudigen Lächeln erwartet. Für ein halbes Jahr besteht diese Familie jetzt aus drei Kindern, zwei Erwachsenen und mir. Da ich meine Familie erst zum zweiten Mal in meinem Leben sehe, bin ich dementsprechend aufgeregt. Aber dazu hätte ich gar keinen Grund gebraucht, wie sich auf der halbstündigen Fahrt nach Lafayette herausstellt. Ich habe mich von Anfang an sehr gut mit meinen „Geschwistern“ und „Eltern“ verstanden. Generell sind die Menschen hier total offen und freundlich.
4 Tage hatte ich dann erstmal Zeit um mich einzugewöhnen, bis die Schule dann wieder anfängt. Die Zeit habe ich zum Großteil genutzt, um meinen Schlafrhythmus wieder in den Griff zu bekommen. Denn acht Stunden Zeitverschiebung sind echt ein Wort. Außerdem musste ich mich erstmal daran gewöhnen, dass ich nicht nur ein Gast hier bin, sondern ein Teil der Familie. Was heißt, dass ich nicht ständig unten bei den anderen sitzen muss, sondern auch mal in mein Zimmer verschwinden kann, wenn ich will.
Nach den vier Tagen habe ich dann Lafayette, was ein Nebenort der Stadt Boulder ist, erkundet und die (deutschen) Nachbarn kennengelernt. An das ständige Englischsprechen gewöhnt man sich ziemlich schnell, es dauerte allerdings eine Woche bei mir, bis ich wirklich angefangen habe Englisch zu sprechen, ohne darüber nachzudenken. Als ich dann jedoch einmal so richtig drin war, habe ich auch angefangen auf Englisch zu denken. Das praktische ist, dass meine Gastfamilie, wie schon gesagt, meine echte Familie ist und deutsch kann. Doch keinen Grund zur Sorge: Ich rede nur mit dem Vater manchmal deutsch und mit dem Rest immer englisch!
Als ich dann meinen ersten Schultag hatte, war ich weniger aufgeregt, als gedacht. Schule ist nun mal überall Schule, auch wenn die Systeme von Land zu Land anders sind. Hier, in Colorado, sieht das Ganze so aus: Primary School (Grundschule) geht von der 1. bis zur 5. Klasse. Danach kommt die Middle School (6.-8. Klasse) und dann die High School, die von der 9. bis zur 12. Klasse geht. Ich besuche die Centaurus High School in Lafayette. Es gibt ein riesiges Kursangebot, auch Sachen wie Chor oder Photographie zählen als Kurs, für den man benotet werden kann. Ich konnte mich erst einmal überhaupt nicht entscheiden, was ich wählen soll. Das Blöde ist, dass man nur 7 Fächer wählen darf. Diese 7 Fächer hat man dann jeden Tag, von 7.30 Uhr bis 15.00 Uhr. Klingt vielleicht langweilig, ist es aber nicht! Man bekommt immer die Gelegenheit, Dinge richtig zu verstehen, und jeden Tag macht man etwas Neues. Ich habe mich letztendlich für die Fächer „10th Grade English“, „Choir“, „Biology“, „US History“, „Spanish 1“ und „Psychologie“ entschieden. Mathe habe ich natürlich auch, aber das ist etwas komplizierter. Die Mathekurse sind unterteilt in Algebra 1, Algebra 2, Geometrie und Pre-Calculas. Ich bin in Pre-Calculas mit lauter älteren Schülern drin. Es lässt sich nicht ganz leugnen, aber das Bildungssystem hier hinkt unserem etwas hinterher. So lerne ich in meinem Englischkurs zum Beispiel, zum tausendsten Mal, wie ich eine Zusammenfassung schreibe.
Jetzt fragt ihr euch vielleicht, warum mein Englischkurs extra die Zahl des Schuljahres dabei stehen hat. Das liegt daran, dass dies der einzige Kurs ist, in dem ich nur mit 10- Klässlern zusammen bin. In allen anderen Kursen kann jeder aus jedem Jahrgang drin sein. Das finde ich ziemlich cool, aber es führt auch dazu, dass die geforderte Leistung etwas niedrig sein kann. Allerdings muss ich mir darum auch keine Sorgen machen, so gibt es nämlich für meinen Biologiekurs unterschiedliche Leistungsstufen.
Um jetzt noch einmal auf die Menschen hier zurückzukommen: Wie gesagt, alle sind nett. Egal, wie jemand ist; ob dick oder dünn, frecky, grufty oder normalo, jeder wird akzeptiert, wie er ist. So habe ich zum Beispiel noch nie irgendwelche blöden Kommentare über Deutsche gehört. Viel mehr wird man dafür bewundert, wenn man aus einem anderen Land kommt. Deshalb habe ich auch schon mehrere Bekanntschaften geschlossen und Freunde gefunden, die mich bereits zum Shoppen, Essen gehen oder Sleepover (haha, mein Computer hat mir zur Verbesserung für Sleepover „Seeopfer“ vorgeschlagen…) eingeladen haben. Höfliches Interesse zeigen auch meine Lehrer. Ich habe bis jetzt noch keinen natürlichen Hass, gegen irgendeinen Lehrer verspürt. Sogar, meine Mathelehrerin ist unglaublich lieb. Die Lehrer sind mehr wie persönliche Mentoren (aber keine Sorge Frau Reichartz, sie sind immer noch die Nummer eins aller Lehrer). Da versuchen die uns doch teilweise sogar klarzumachen, dass die Schule unser zweites Zuhause ist und die Lehrer unsere zweiten Eltern. Das werden wir in sogenannten „Advisorykursen“ geleert. Da kommt man immer einmal in der Woche zusammen und redet über das Leben und sich. Den Sinn habe ich noch nicht so ganz verstanden und ich halte es, so wie alle anderen auch, für komplett unnötig.
Zwischen meinen einzelnen Kursen habe ich immer 5 min Zeit um den Raum zu wechseln. Es gibt keine richtigen Pausen, nur eine Lunchpause. Die dauert dann, so wie unsere Unterrichtsstunden, 52 Minuten lang. Allerdings erlauben uns die meisten Lehrer im Unterricht zu essen, so lange wir nicht stören. Daran halten sich auch, ausnahmslos, alle. Was noch erlaubt ist, sind Handys und Laptops. Laptops braucht man sogar, weil wir hier die Einrichtung „Google Classroom“ benutzen. Hier wird einem angezeigt, was man als Hausaufgabe aufhat und bis wann und ob man die schon abgegeben hat oder nicht und wann die nächste Arbeit ist. Den Großteil meiner Hausaufgaben und andere Aufgaben mache ich also meistens am Computer.
Die Erfahrungen, die ich hier mache, sind echt super. Natürlich hatte ich am Anfang eine Menge Angst, aber so etwas macht man nicht, weil man Angst hat. Warum man es sonst macht, kann ich nicht wirklich sagen, aber manchmal muss man sich einfach aufraffen und seine Ängste überwinden.

LT